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18.02.2013
Sprache im Internet
Welche Sprache spricht das Web?

Das Web spricht Englisch. Ganz klar. Schließlich wurde es in den USA erschaffen. Doch je weiter sich das Internet über den Globus verbreitet, desto mehr Sprachen drängen ins Netz: Die weltweit führende Suchmaschine Google zum Beispiel bietet ihre Dienste in 82 Sprachen an. Auch wenn das das Englische noch immer dominiert, so wird im historischen Vergleich der Wandel deutlich. Noch 1997 bestand das World Wide Web zu über 80 % aus Inhalten in englischer Sprache. Inzwischen ist noch mehr als jede zweite Webseite (56,4%) ist auf Englisch verfasst. Platz zwei belegt Deutsch mit 7,7%. Danach folgen Inhalte auf Französisch (5,6%), auf Japanisch (4,9%) und Spanisch (3%).

Netspeak, Websprache oder Internet-Kauderwelsch?
Beim Thema “Internet und Sprache“ denken deutsche Sprachpuristen sofort an die Bedrohung der deutschen Sprache durch “Überfremdung“. Tatsächlich finden durch das Internet immer mehr englische Begriffe Eingang in die Alltagssprache, doch neu ist dies ganz und gar nicht. Das Deutsche wimmelt nur so von Lehnwörtern, also Begriffen, die anderen Sprachen entlehnt sind: Fenster und Mauer beispielsweise haben allesamt lateinische Wurzeln. Technische Innovationen bringen neue Begriffe mit sich - das war schon beim Hausbau so und später auch bei Radio und Fernsehen. Dass nun das Internet auf unsere Art zu kommunizieren Einfluss nimmt, ist deshalb nicht weiter verwunderlich.

Neu ist höchstens, dass das Internet den Sprachwandel gleichsam schriftlich fixiert und man ihn deshalb umso besser nachvollziehen kann. Aufgeschlossene Sprachwissenschaftler verfolgen die aktuelle Entwicklung deshalb mit großem Interesse. Sie wollen herausfinden, wodurch sich die für das Internet spezifische Sprache auszeichnet, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede es zwischen E-Mail, Chat, Mailinglisten, Newsgroups, SMS-Botschaften und all den anderen - auch den herkömmlichen - Kanälen gibt, über die man miteinander kommunizieren kann, und ob es tatsächlich berechtigt ist, von einer neuen Sprachform zu sprechen. Je nachdem, ob das Aufkommen dieser neuen Sprache mit Wohlwollen oder Argwohn bedacht wird, stößt man auf Bezeichnungen wie “Websprache“, “computer-vermittelte Kommunikation“, “Netzsprache“ oder “Internet-Kauderwelsch“. Im Englischen trifft man auf Begriffe wie “techno-babble“, “Netspeak“, “Webspeak“, “Netlish“, “Weblish“, “Internet language“, “cyberspeak“, “electronic discourse“, “electronic language“, “interactive written discourse“ und “computer-mediated communication“ (CMC) - um nur ein paar zu nennen.

Schreiben, wie der Schnabel wächst
Das Auffälligste an der Kommunikation per E-Mail & Co ist die so genannte konzeptionelle Mündlichkeit, soll heißen: der Schreiber tut so, als würde er sprechen. Zu diesem Zweck werden typische Merkmale der mündlichen Kommunikation wie zum Beispiel umgangssprachliche Formulierungen (“Tach“ statt “Guten Tag“), Tilgungen (“nich“ statt “nicht“) und Assimilationen (“gehn“ und “ins“ statt “gehen“ und “in das“) schriftlich verwirklicht. Eine mögliche Erklärung für das weit verbreitete Phänomen: Es soll der Endruck von Nähe entstehen. Eine Nähe, die bei der Kommunikation per E-Mail oder SMS nicht von Haus aus gegeben ist. Wer glaubt, dieses Phänomen sei erst mit dem Internet in die Welt gekommen, täuscht sich: Bereits 1959 eröffnete Raymond Queneau seinen Roman “Zazie in der Metro“ mit der Frage “Fonwostinktsnso“.

Zukunftsvisionen
Mittelfristig geht es laut Tim Berners-Lee, dem Vater des Internets, darum, ein semantisches Netz zu schaffen. Bislang nämlich können Suchmaschinen nicht unterscheiden, ob das Stichwort “Cook“ ein Personenname (Sir Francis Cook), ein Ortsname (Cook Islands) eine Berufsbezeichnung (Koch) oder ein Verb (kochen) ist. Die Web-Inhalte müssen deshalb nach semantischen Kriterien definiert und aufbereitet werden. Erst dann können Suchmaschinen und andere Agenten komplexe Aufgabenstellungen lösen.

Folgt man David Crystals Zukunftsvisionen, so wird die Grenze zwischen gesprochener und schriftlich fixierter Sprache zusehends verschwimmen. Langfristig werden wir laut Crystal nicht mehr vornehmlich über die Tastatur, sondern über Stimmerkennungsprogramme mit dem Computer kommunizieren. Außerdem wird das Bild eine Ergänzung zu bereits existierenden Kommunikationsformen sein, z.B. in Form von Bild-Telefonen, Videokonferenzen über Mobiltelefone oder Video in Verbindung mit E-Mail und Chat.

Vergleicht man die Situation heute mit der von Gutenberg, stellt man fest: Während die Einführung des Buchdrucks zu einer Fixierung von sprachlichen Standards führte, stärkt das Internet orale und visuelle Aspekte der Kommunikation. Wenn man bedenkt, dass für die Mehrzahl der Menschen hierzulande Sprache gleichbedeutend mit Schriftsprache ist - das zeigte die Diskussion um die neue Rechtschreibung sehr deutlich -, wird verständlich, warum viele das Internet mit Argwohn betrachten. Wer dagegen Sprache nicht nur als Schrift, sondern als Zeichensystem begreift, kann seinem Spieltrieb freien Lauf lassen und auf diese Weise die Zukunft der Sprache mitgestalten.“

Quelle: http://www.wissen.de/sprache-im-internet